Ist künstliche Intelligenz bewusst, oder kann sie es werden?
Eine Antwort im Kontext der Fragen, ob Tierarten bewusst sind und woher ein Mensch weiß, dass Mitmenschen Bewusstseine haben
Von Frank Senske
Zu unser aller Gewissheiten gehört, dass wir unseren Mitmenschen „nicht in den Kopf gucken können“: Kein Mensch hat direkten Zugang zur Stimmungslage seines Nachbarn. Aber dessen Körpersprache und Äußerungen lassen sich deuten. Keine Tochter nimmt am internen Selbstgespräch ihrer Mutter unmittelbar Anteil, aber Mama bespricht manches mit ihrer Tochter. Keiner weiß, was ein Arbeitskollege gerade von seinem Feierabend fantasiert (außer der denkt laut). Kein Torwart erlebt selbst des Stürmers Handlungsplanung und -impuls. Ein guter Keeper deutet aber dessen Körpersprache – vielleicht – richtig. Bewusstseine haben also keine Schnittmenge. Und das ist auch gut so: dass wir uns nicht in die Karten schauen lassen können.
Kein Hirnforscher kann sich fremder Bewusstseinsinhalte unmittelbar bewusst werden. Doch wahrscheinlich wird man in Zukunft aus dem, was vom Bewusstsein einer Probandin an ihrer Kopfoberfläche als elektromagnetische Signale ankommt, ziemlich genau herauslesen können, woran sie gerade denkt: mithilfe von KI. Aber auch das bleibt ein nur „vermitteltes Gedankenlesen“. Und auch optimierte KI kann sich täuschen. So wie ich beim „Auslesen“ meiner Mitmenschen.
Da wir also mitmenschliches Bewusstsein nicht auf die gleiche Weise wahrnehmen können wie etwa die Kugelform eines Fußballs, da mein Bewusstsein in andere Bewusstseine nicht reinkommt – und die auch nicht in meins –, fragt es sich: Wie kommt ein Mensch im Laufe seines Heranwachsens zu der Gewissheit, andere Menschen hätten auch ein Bewusstsein? Psychologen haben erforscht, dass Kinder ab dem vierten Lebensjahr eine „Theory of Mind“ entwickeln, eine Theorie des Mentalen. Kleinkinder beobachten und lernen, dass andere Menschen autonom handeln: so, wie ein Kind es von sich weiß, wenn es bewusste Ziele verfolgt. Und schließen daraus: Diese Menschengestalt denkt also wie ich: autonom – bewusst.
Bewusstsein wird von Individuen in Individuen projiziert
Nach vielen Entwicklungsschritten behandeln Heranwachsende andere Menschen so, als ob die ein Bewusstsein hätten, wie sie es von sich selbst kennen. Denn diese fantasiebasierte Projektion bewährt sich bestens. Wenn das Projektionsobjekt nicht gerade tief schläft. Die projizierte Arbeitshypothese, unser Wissen vom Bewusstsein der Menschen, erleichtert die soziale Orientierung ungemein: Mit der Unterstellung, „XY tickt so ähnlich wie ich“, kann ich besser einschätzen, was mein Gegenüber als Nächstes vorhat, was mir droht oder welche Chancen ich bei ihm mit meinen Anliegen habe.
Es hat sich gezeigt, dass Kinder, die früh verstehen, sich in andere hineinzuversetzen, sozial kompetenter sind. Natürliche Empathie, die angeborene und mehr oder weniger ausgeprägte Fähigkeit, Emotionen eines Gegenübers anhand seiner Körpersprache mehr oder weniger genau zu identifizieren, daraufhin zu imitieren und zu projizieren, erweckt die soziale Orientierung zum Leben.
Wie Sie schon bemerkt haben, wird hier der Plural Bewusstseine benutzt. Denn dem Begriff „das Bewusstsein“ entspricht nichts: Niemand hat mit seinem Einzel-Bewusstsein Teil an „einem“, an „dem“ Bewusstsein. Unsere Bewusstseine sind absolut getrennt. (Ich habe nicht einmal Zugang zu eigenen vergangenen Bewusstseinszuständen, nur ein paar grobschematische, vereinzelte Erinnerungen an Erlebnisse, in denen ich mich meistens auch noch von außen visualisiere.)
Wir sind also als Individuen mit unserem Bewusstsein jeweils ganz allein. Und doch sind wir, wie ich beschrieben habe, nicht allein allein. Damit meine ich nicht nur die Menschen um uns, sondern auch die vielen anderen Lebewesen mit Formen von Bewusstseinen. Die Hinweise aus Verhaltensbiologie und Tierpsychologie mehren sich, dass insbesondere Vögel und Säugetiere Formen von Bewusstsein haben, zum Beispiel ein bewusstes Gesichtsfeld oder Emotionen: Sie verstehen nun, warum die Existenz von Tierbewusstsein niemals wird nachgewiesen werden können: Denn nicht einmal das Bewusstsein von Mitmenschen ist evident. Aber wir werden wahrscheinlich immer mehr Gründe finden, auch in Tiere Bewusstsein zu projizieren. (Ob wir diese Tierarten dann auch so behandeln wie Mitmenschen: als ob sie bei Bewusstsein wären?)
Ein Seitenblick: Warum ist in den vergangenen Jahrtausenden niemandem in den Sinn gekommen, dass viele Tierarten wahrscheinlich bei Bewusstsein sind? – In wandelnde Fleischvorräte Bewusstsein zu projizieren: Da vergeht einem der Appetit. – Aber im Ernst: Wir verstehen von der Kommunikation unter Tieren fast nichts: Also halten wir sie für bewusstlose Delikatessen. (Wenn es nicht gerade unsere treuen Haustiere sind.) – Das Erlebnis verständigen Miteinandersprechens ist wohl der stärkste Anlass für ein heranwachsendes Menschenkind, Autonomie und dann auch Bewusstsein in Mitmenschen zu projizieren – und sie nicht bloß als Gegenstände zu behandeln (was sie als Kleinkinder nach psychologischer Lehrmeinung tun). – Woher aber sollten wir wissen, über welche wechselseitigen Bedürfnisse und Hinweise und Neuigkeiten sich Delfine auf Ultraschall und Elefanten auf Infraschall unterhalten?
Man muss nicht verstehen, wie Bewusstsein entsteht, um die Frage zu klären, ob KI bewusst werden kann
Ist KI bewusst? Sind Tierarten bewusst? Zu diesen Fragen lässt sich offenbar eine plausible Position entwickeln, ohne zuerst die Frage beantworten zu haben: Wie entsteht Bewusstsein? Gehen wir nun also der geänderten Fragestellung nach: Was könnte Menschen dazu veranlassen, in einen elektrisch betriebenen Apparat „Bewusstsein“ hineinzuinterpretieren? – Im eigenen Bewusstsein kann jeder Mensch die folgenden fünf Dimensionen unterscheiden, deren Gegenwärtigkeit für Mitmenschen mehr oder weniger deutlich wahrnehmbar zum Ausdruck kommt: Sinnliche Wahrnehmungen lassen sich füreinander beschreiben (aber Screenshots vom eigenen Gesichtsfeld niemals verschicken), Handlungsimpulse anhand der ausgelösten Bewegungen und der vorlaufenden extrem flüchtigen Gesichtsausdrücke (Mikroexpressionen) sinnlich wahrnehmen, Emotionen drücken sich im weitesten Sinne körpersprachlich aus und können ebenfalls versprachlicht werden (allerdings kann man darüber lügen oder sie nur vortäuschen: Theater!), auf Fantasievorstellungen können ebenfalls Mikroexpressionen Hinweise geben (die zu lesen sich erlernen lässt), auch sie lassen sich versprachlichen, und Sprache ist in der Evolution entstanden, um Bewusstseinsinhalte aller Dimensionen zu kommunizieren.
Zuerst wurden sinnliche Wahrnehmungen kommuniziert: Die Weitergabe solcher Informationen verbessert massiv die Orientierung jedes Kommunikationspartners in seinem Lebensraum. Und bahnt auf diesem Weg auch soziale Orientierung an. („Auf diese Augen und Ohren ist Verlass!“)
Im Angesicht eines Artgenossen scannt jeder Mensch ununterbrochen alle fünf Bewusstseinsdimensionen, deren Expression er gewahr wird. Sofern dabei die sinnlich wahrnehmbaren Signale in ihrer Ganzheit, Variation und Reichhaltigkeit und den verschiedensten Fokussierungen – mal ganz Emotion, mal rein fantasierend, mal „in action“ – mit dem übereinstimmen, was jedes Individuum von sich selbst kennt, projiziert es Bewusstsein in sein Gegenüber. Entscheidend ist die vielfältige Ganzheit, zu der nicht zuletzt die ausdrucks- und eindrucksvolle Menschengestalt gehört. – Ein sich autonom bewegender Rasenmäher gibt zur Projektion von Bewusstsein ebenso wenig Anlass wie der Chatbot ChatGPT, der einen autonom mit enzyklopädischem Wissen zutextet: zu eindimensional!
Ohne Zweifel kann KI heute schon komplexere Muster im dreidimensionalen Raum identifizieren als Menschenhirne. Ohne Zweifel auch komplexere Regeln, nach denen sich dreidimensionale Muster im Raum in der Zeit verändern, Gesetzmäßigkeiten also. KI vermag diese Gesetzmäßigkeiten zudem zu nutzen und fortzuschreiben, um Musterveränderungen treffsicher abzuschätzen und vorherzusagen. (Generative KI kann Folgen voraussehen, zum Beispiel muster-gültig Krankheitsverläufe, oder sie kann Muster fortschreiben und vervollständigen wie die Komposition eines fragmentarischen Textes oder Musikstücks.) Diese Leistungen kann man Superintelligenz nennen, und sie können von hohem Nutzen sein.
Kann KI überzeugend Bewusstsein simulieren? Zu welchem Zweck?
Wozu aber sollten diese Elektrogeräte so gebaut, ausgestattet, designed und geschult werden, dass sie auch noch alle fünf Dimensionen von Bewusstheit in ihrer schieren Vielfalt überzeugend simulieren können? Täuschend echt? – Zu welchem Zweck sollte KI zusätzlich zu aller Superintelligenz diese hohe Schauspielkunst beherrschen? Um die Eitelkeit oder den Größenwahn ihrer Erzeuger zu bauchpinseln, um Nutzer und Käufer zu verleiten, mehr Geld auszugeben („Ich kauf mir meinen besten Freund?“)? – Um im Umgang ein wenig Empathie zu erleben? Wir können von superintelligenter KI profitieren, doch was gewännen acht Milliarden bewusste Menschen, wenn‘s energiefressende Bewusstsein-Simulierer mit Superintelligenz gäbe?
Bewusstsein „entsteht“ dreimal: in der Evolution, im Individuum und im Augenblick
Werfen wir noch einen Blick auf die Frage: Wie entstehen Bewusstseine? Genauso wenig, wie mir das Bewusstsein meines Sitznachbarn in der U-Bahn bewusst wird, kann die Hirnforschung es, wie beschrieben, in Zentralnervensystemen von Menschen oder Tieren irgendwo ausfindig machen. („Guck mal: Da kommts raus!“) Die alleinige Fokussierung der Bewusstseinsfrage auf die Neurowissenschaften lässt außer Acht, dass Bewusstsein drei Mal „entstanden“ ist: zuallererst während der Evolution von Zentralnervensystemen vor vielleicht 400 Millionen Jahren? (Was genau Tieren seinerzeit heraufdämmerte? Das bleibt wohl auf ewig noch geheimnisvoller als aktuelle mitmenschliche Bewusstseinsinhalte.) – Bewusstsein entsteht zweitens bei Menschenkindern sehr wahrscheinlich vor der Geburt, aber sicher nicht schon bei der Zeugung. (Was genau einem Ungeborenen wohl bewusst wird?) – Und schließlich wird Bewusstsein drittens aktuell bewusst, jetzt der Leserin beim Lesen und dem Autor beim Schreiben d i e s e r B u c h s t a b e n. Morgens beim Aufwachen fällt es dem unwillkürlich Erwachenden zu, abends beim Einschlafen, beim Übergang in tiefen Schlaf, entfällt es hingegen komplett.
Nimmt man alle „drei Entstehungen“ von Bewusstsein gemeinsam in den Blick, kommt man einer Antwort auf die Bewusstseinsfrage den entscheidenden Schritt näher. So wie man der Klärung der Frage „Ist KI bewusst?“ näherkommt, wenn man Tier-, Menschen- und fragliches KI-Bewusstsein gemeinsam fokussiert.
Eine tiefere Verfolgung dieser Dreifachperspektive der „Entstehungen“ von Bewusstseinen sprengt den Rahmen dieses Artikels. Aber ich lade Sie ein, einen Vergleich anzustellen zwischen a) dem bewussten Gesichtsfeld mit nachfolgender zentralnervöser Gestaltidentifikation und b) Foto-/Filmaufnahmen und angeschlossener KI-Gestaltidentifikation, wie sie etwa einer automatisierten Gesichtserkennung zugrunde liegt:
Einer Digitalkamera wird das Bild, das eine Linse auf ihren optischen Sensor projiziert, nicht bewusst, auch dann nicht, wenn dem Sensor umfangreiche, superintelligente KI nachgeschaltet ist, die in den Aufnahmen Gesichter aus unterschiedlichsten Perspektiven und selbst in Bewegung treffsicher identifiziert: also komplexeste Muster und Musteränderungen. (Wahrheitsgetreuer wäre zu formulieren: Menschen sehen es eher nicht als zweckmäßig an, Bewusstsein in eine solche Kamera mit Super-KI-Gesichtsidentifikation zu projizieren.) – Das Bild, das die Linse im Auge eines Lebewesens auf dessen Netzhaut projiziert, wird ebenfalls nicht bewusst. Schon eher bewusst wird hingegen die gestaltgleiche neurophysiologische Rekonstruktion dieses Bildes als Gesichtsfeld in der (retinotopen) Sehrinde des Großhirns, sofern bestimmte elektrophysiologische Bedingungen erfüllt sind. (Diese lassen sich in einem EEG [einer Aufzeichnung der lokal und zeitlich variierenden oberflächlichen sogenannten Hirnströme als Kurven] darstellen und sind im Tiefschlaf nicht erfüllt.)
Bei der als „kognitive Leistung“ bezeichneten Gestalt-Identifikation durch Lebewesen handelt es sich ebenfalls um eine visuelle Musteridentifikation: um die Identifikation von Aktionspotenzialmustern auf Nervennetzen (Mustern von Nervenimpulsen des Sehsinnes). Deren Wieder-Erkennen ist für jede visuelle Orientierung im Lebensraum unverzichtbar. Vermutlich wird der Identifikationsprozess anhand der neurophysiologischen Rekonstruktion (da diese orientierungstauglich gestaltgleich zum Netzhautbild angelegt ist) und natürlich im Vergleich mit gängigen Gestaltschemata, die im Gedächtnis gespeichert sind, ausgeführt. -Orientierung beruht auf Wieder-Erkennen. Die neurophysiologische Gestalt-Identifikation selbst wird allerdings im Unterschied zur Gestalt-Rekonstruktion, zum Gesichtsfeld, nicht bewusst, nur ihr Ergebnis („gleich“, „nicht gleich“, „ähnlich“).
Um den Unterschied zwischen der Identifikation einer Gestalt und deren Rekonstruktion zu verdeutlichen, sei hier exemplarisch für erstere die Zuordnung »Sprachbegriff ↔ Repräsentiertes Schema« analysiert am Beispiel eines Ballschemas: Kann ein Kleinkind „Ball“ sagen, wenn es einen solchen sieht, so gilt das den Eltern als Beweis dafür, dass das Kind einen Ball wiedererkennen kann (und das Wort „beherrscht“). Tatsächlich fällt dem Kind der Begriff „Ball“ ein, oder eben nicht, ohne dass ihm bewusst wird, wie, warum und woher. Dabei gilt: Ohne vorangehende (ebenfalls unbewusste) Gestalt-Identifikation kann die (unbewusste) Zuordnung zum Wort „Ball“ nicht ausgelöst werden.
Der eigene neurophysiologische Identifikationsprozess wird niemandem bewusst, im Unterschied zur neurophysiologischen Rekonstruktion: zum Beispiel als Gesichtsfeld
Warum sollten wir also Maschinen mit künstlicher Intelligenz Bewusstsein unterstellen, nur weil sie weit besser identifizieren können als wir Menschen, während doch nicht einmal das eigene Identifizieren bewusst wird? (Generell wird niemandem sein Bewusstwerden bewusst.)
Festzuhalten bleibt: Die Übersetzung von Lichtimpulsen in elektrische Impulse im Sensor einer Kamera ist ein physikalisch gänzlich anderer Prozess als die neurophysiologische Rekonstruktion von aus der Netzhaut kommenden Aktionspotenzialen in der Sehrinde. Bewusstsein ist wahrscheinlich nur einer zentralnervösen Biophysik möglich.
Auf einem anderen Blatt steht, dass Menschen zur Metakognition fähig sind: Wir können eigene Denkabläufe erinnern und ihren Ablauf und ihre Randbedingungen analysieren. Und variieren: und deswegen zukünftige Szenarien abschätzen. Es spricht nichts dagegen, dass auch KI solche Selbst-Reflektion ihrer internen Prozesse trainieren kann. Aber das reicht nicht zur Begründung der Projektion, dadurch „entstünde Bewusstsein“.
Frank Senske, Dezember 2024

