nach Kant und Darwin
1. Überblick:
Worum geht es in Band 1?
Die Erkenntnis »Das Ding an sich ist nicht erkennbar« geht auf Immanuel Kant zurück. Wie jeder weiß, ist auch Mitmensch-Bewusstsein an sich – wenn es nicht durch Kommunikation vermittelt wird – nicht erkennbar. Das liegt an der Evolution der Zentralnervensysteme, hätte Charles Darwin erklärt. Denn jedes Gehirn erzeugt zu seiner Orientierung seine neurophysiologische Rekonstruktion seiner Umwelt. Mit den Worten Kants: Das Gehirn ist die Bedingung der Möglichkeit des Rekonstruierens und daher auch die Bedingung von Bewusstsein.
Jede neurophysiologische Rekonstruktion unterscheidet sich vom Original: vom Lebensraum mit seinen vielfältigen Dingen und Prozessen an sich. Daher gilt auch in diesem Zusammenhang der Eingangssatz von Kant, dem Darwin sicher zugestimmt hätte. Bis auf genau eine Ausnahme: Die neurophysiologische Rekonstruktion des Lebensraumes eines Gehirns an sich erscheint als ein Bewusstsein, sie ist an sich erkennbar: Sie ist bewusst.
In diesem Buch wird ein neues Modell für die »Entstehung« von Bewusstseinen vorgestellt. Dieses gründet, sieht man von Kant ab, nicht in der Philosophie- und Geistesgeschichte der letzten 3000 Jahre, sondern in der Evolution des Lebens seit vier Milliarden Jahren. Ein Modell, in dem ein Geist-Materie-Dualismus ebenso wenig auftritt wie nach »Ursachen« für Bewusstsein geforscht wird.

3. Einleitung
Wissenschaftliche Theorien und Modelle sind zweckoptimierte Fiktionen. Ihr Zweck besteht darin, einen Bereich der allezeit unendlich komplexen Realität mit einem vereinfachenden und daher fiktiven Modell in einem schlüssigen Zusammenhang zu erklären und daraus Vorhersagen abzuleiten, die wahrnehmbar oder experimentell überprüfbar sind. Das hier vorgestellte Modell der »Entstehung« von Bewusstsein hat den Zweck, die Entstehung des individuellen, bewussten Gesichtsfeldes zu erklären unter Zusammenführung von Erkenntnissen aus Neurophysiologie, Evolution und Introspektion.
Bei dieser Erklärung wird weder der uralte Geist-Materie-Dualismus aufgelöst noch eine »Ursache« von Bewusstsein identifiziert. Vielmehr zeigt eine hier dargelegte und in der Kulturgeschichte der Menschheit bislang nie zuvor eingenommene Sichtweise auf Menschenbewusstsein-in-der-Welt einen neuen Weg zur Selbst-Erkenntnis auf. Dieser nötigt ein Idealismus-Materialismus-Dilemma nicht, in Erscheinung zu treten, und bemüht auch keine Kausalität. Die Methode: ein gründliches und umfassendes In-Beziehung-Setzen dreier bekannter Betrachtungsweisen des Menschen-in-der-Welt:
Bewusstseine sind schon in Tierindividuen in der Evolution des Lebens »entstanden« – vielleicht erstmals vor 200 Mio. Jahren. Das folgt aus der Entdeckung der Evolution durch Charles Darwin.
Bewusstseine »entstehen« außerdem in der allerersten Lebensphase in den Zentralnervensystemen (ZNS) vieler Tier- und Menschenindividuen – sicher schon vor der Geburt, sicher nicht vor der Zeugung.
Und jetzt, in diesem Augenblick, sind Sie bei Bewusstsein: Diese Zeilen »werden« Ihnen »bewusst«. – Das zu bemerken, erlaubt Ihnen Introspektion: dass Sie sich jetzt daran erinnern können, was Sie gerade wahrgenommen (gelesen oder fantasiert, geredet oder gefühlt) haben, und sich dieser Erinnerung zugleich mit aktuellen sinnlichen Wahrnehmungen bewusst sein können – die Fähigkeit, zweierlei zugleich »auf dem Schirm zu haben«.
- Bewusstseine sind schon in Tierindividuen in der Evolution des Lebens »entstanden« – vielleicht erstmals vor 200 Mio. Jahren. Das folgt aus der Entdeckung der Evolution durch Charles Darwin.
- Bewusstseine »entstehen« außerdem in der allerersten Lebensphase in den Zentralnervensystemen (ZNS) vieler Tier- und Menschenindividuen – sicher schon vor der Geburt, sicher nicht vor der Zeugung.
- Und jetzt, in diesem Augenblick, sind Sie bei Bewusstsein: Diese Zeilen »werden« Ihnen »bewusst«. – Das zu bemerken, erlaubt Ihnen Introspektion: dass Sie sich jetzt daran erinnern können, was Sie gerade wahrgenommen (gelesen oder fantasiert, geredet oder gefühlt) haben, und sich dieser Erinnerung zugleich mit aktuellen sinnlichen Wahrnehmungen bewusst sein können – die Fähigkeit, zweierlei zugleich »auf dem Schirm zu haben«.
Da die Formulierung »Entstehung des Bewusstseins« im Singular allein schon aus Sicht der drei Betrachtungsweisen in die Irre führt (als existiere überhaupt nur ein Bewusstsein, und das sei nur einmal entstanden), bevorzuge ich die (zunächst ungewohnte) Pluralform Bewusstseine.
Der Begriff »Entstehung« inkludiert in unserer Alltagsdenke Kausalität – man assoziiert unwillkürlich »Erzeugung von« oder »Ursache für« Bewusstsein oder die Frage »Welcher Gehirnbereich erzeugt Bewusstsein?« Weil solche Denkmuster aber, wie sich noch zeigen wird, ein angemessenes Verständnis für die »Entstehung« von Bewusstsein verhindern, setze ich das Wort »Entstehung« in Anführung, bis hier ein treffenderer Begriff erarbeitet ist.
Zur Vorgehensweise: In ▶ Teil I verschaffen wir uns einen Überblick über das hier vorgestellte Modell einer Bewusstwerdung, kurz: »das Modell« genannt, darüber, um was es bei einem Organismus, der lebt und überlebt und sich fortpflanzt, beim Bewusstwerden-von-etwas überhaupt geht; dies und alles Weitere erfolgt am Beispiel des Gesichtsfeldes.
▶ Teil II geht das Modell einmal rückwärts durch: vom Bewusstseinsinhalt aus, der bewusst ist – also von Introspektion, konkret: vom Gesichtsfeld aus –, zurück zu dem, was vorliegt: was vor den Augen liegt bzw. auf der Netzhaut abgebildet wird.
In ▶ Teil III wird die Art und Weise der »Entstehung« der Bewusstseine zunächst in einem Satz definiert (der keine »Ursache für Bewusstsein« enthüllt). Die darin anklingenden verschiedenen Begriffe und Themen erläutere ich anschließend Schritt für Schritt, verknüpfe sie miteinander und füge sie in die in ▶ Teil I aufgespannten Zusammenhänge ein, sodass dieser Satz verständlich und plausibel wird. – Kurz gefasst, liefert in ▶ Teil III der Denker Immanuel Kant Hand in Hand mit dem Naturforscher Charles Darwin das Missing Link zwischen – in traditioneller Formulierung – Geist und Materie. In aller Kürze konkret: »Das Ding an sich ist nicht erkennbar« (Kant) – mit genau einer Ausnahme, der des angesprochenen fehlenden Bindeglieds: Die neurophysiologische Rekonstruktion des Lebensraumes, die sich im Laufe der Evolution in den verschiedensten Erscheinungsformen entwickelt hat (Darwin), ist das einzige Ding-an-sich, das ich »erkennen kann«, genauer gesagt: Es ist (unter bestimmten Bedingungen) selbst bewusst (Senske).
Die Argumentation kreist um den Begriff »Rekonstruktion«. Daher wird die neurophysiologische Rekonstruktion der Außenwelt, welche die »Grundlage« von Bewusstsein ist, in ▶ Teil IV in den großen Gesamtzusammenhang der »Evolution in Drei Rekonstruktionen« gestellt. – Dahingegen findet eine Einordnung in die Geistesgeschichte (philosophische Erkenntnistheorie) ebenso wenig statt wie eine Verankerung in der aktuellen, einschlägigen Literatur zum Thema »Bewusstsein« bzw. in die Neurowissenschaften. – Provokant formuliert:
Ich verankere das Modell nicht in der Geistesgeschichte der letzten 3000 Jahre, sondern in der Evolution der letzten 4 Mrd. Jahre.
Dieser Weg ist ganz neu. Er liefert nicht zuletzt eine belastbare Antwort auf die Frage, ob künstliche Intelligenz (KI) bewusst werden kann. (Nein, kann sie nicht!)
Eine vertiefte Darstellung mit vielen Beispielen und verbreiterter Argumentation finden Sie in meinem Buch Kommen Wahrheiten zur Welt. Evolution · Zufall · Bedeutung · Ohnmacht des Bewusstseins (Senske 2023), auf das ich deshalb im weiteren Text wiederholt erneut verweise.
4. Band 1 „Die Entstehung des Bewusstseins“
nach Kant und Darwin
Autor: Frank Senske
Veröffentlichungsdatum 07.03.2024
Sprache : Deutsch
Taschenbuch : 100 Seiten
ISBN : 978-3-384-16728-6
Abmessungen : 14,8 x 21 cm
Verkaufspreis : 15 €



