Wie introspektive Experimente das Bewusstwerden enthüllen
1. Überblick:
Worum geht es in Band 2 ?
Wie kann ich etwas von meinem Bewusstwerden begreifen? Schwierig, da ich mein Bewusstsein doch auf keinen Fall von außerhalb meines Bewusstseins untersuchen kann, denn dazu müsste ich mein Bewusstsein verlassen, wäre also bewusstlos. – Kann ich das Bewusstsein meiner Mitmenschen untersuchen – offensichtlich von außerhalb desselben? Leider nicht, denn erstens wird mir Bewusstsein anderer Menschen auf keinen Fall unmittelbar bewusst. (Was geht denen gerade durch den Kopf? Allerdings können wir darüber reden, aber dann werden mir „nur“ Sprachlaute bewusst.) Zweitens stoße ich in deren Gehirn auch dann nicht auf Bewusstsein, wenn ich es naturwissenschaftlichen Untersuchungen unterziehe, ich kann dort nur Neuroanatomie und -physiologie untersuchen. (Aber wenn ich das ganz genau und in allen Details mache, sind die Probanden wahrscheinlich schwerbehindert oder tot.)
Erinnern Sie sich, was im vorangehenden Abschnitt steht, ungefähr und sinngemäß? – Ja, das können Sie: Die Fähigkeit, dass jeder in seinem aktuellen Bewusstsein vergangene Bewusstseinsinhalte vergegenwärtigen kann, ist der einzige und zugleich unmittelbarste Schlüssel, um etwas von seinem Bewusstsein – und auch von dessen momentanen Werden und Vergehen – zu begreifen. Introspektion!
Das Buch enthält eine Vielzahl von introspektiven Experimenten, die alle möglichen Eigenschaften von Bewusstsein bewusst werden lassen. Jedes auf diesem Weg „neu gewonnene Selbst-Bewusstsein“ wird in einen Rahmen eingeordnet: einerseits in die Entwicklung der Zentralnervensysteme und deren Bewusstwerden in der Evolution des Lebens und andererseits in die Neurophysiologie des Gehirns, auf allgemeinverständlichem Niveau.
Auf der introspektiven Reise zeichnet sich ein in vielen Facetten überraschend neues Selbstbild vom Menschen in der Natur ab.

3. Einleitung
Wissenschaftliche Theorien und Modelle sind zweckoptimierte Fiktionen. Ihr Zweck besteht darin, einen Bereich der allezeit unendlich komplexen Realität mit einem vereinfachenden und daher fiktiven Modell in einem schlüssigen Zusammenhang zu erklären und daraus Vorhersagen abzuleiten, die wahrnehmbar oder experimentell überprüfbar sind. Das hier vorgestellte Modell der »Entstehung« von Bewusstsein hat den Zweck, die Entstehung des individuellen, bewussten Gesichtsfeldes zu erklären unter Zusammenführung von Erkenntnissen aus Neurophysiologie, Evolution und Introspektion.
Bei dieser Erklärung wird weder der uralte Geist-Materie-Dualismus aufgelöst noch eine »Ursache« von Bewusstsein identifiziert. Vielmehr zeigt eine hier dargelegte und in der Kulturgeschichte der Menschheit bislang nie zuvor eingenommene Sichtweise auf Menschenbewusstsein-in-der-Welt einen neuen Weg zur Selbst-Erkenntnis auf. Dieser nötigt ein Idealismus-Materialismus-Dilemma nicht, in Erscheinung zu treten, und bemüht auch keine Kausalität. Die Methode: ein gründliches und umfassendes In-Beziehung-Setzen dreier bekannter Betrachtungsweisen des Menschen-in-der-Welt:
- Bewusstseine sind schon in Tierindividuen in der Evolution des Lebens »entstanden« – vielleicht erstmals vor 200 Mio. Jahren. Das folgt aus der Entdeckung der Evolution durch Charles Darwin.
- Bewusstseine »entstehen« außerdem in der allerersten Lebensphase in den Zentralnervensystemen (ZNS) vieler Tier- und Menschenindividuen – sicher schon vor der Geburt, sicher nicht vor der Zeugung.
- Und jetzt, in diesem Augenblick, sind Sie bei Bewusstsein: Diese Zeilen »werden« Ihnen »bewusst«. – Das zu bemerken, erlaubt Ihnen Introspektion: dass Sie sich jetzt daran erinnern können, was Sie gerade wahrgenommen (gelesen oder fantasiert, geredet oder gefühlt) haben, und sich dieser Erinnerung zugleich mit aktuellen sinnlichen Wahrnehmungen bewusst sein können – die Fähigkeit, zweierlei zugleich »auf dem Schirm zu haben«.
Da die Formulierung »Entstehung des Bewusstseins« im Singular allein schon aus Sicht der drei Betrachtungsweisen in die Irre führt (als existiere überhaupt nur ein Bewusstsein, und das sei nur einmal entstanden), bevorzuge ich die (zunächst ungewohnte) Pluralform Bewusstseine.
Der Begriff »Entstehung« inkludiert in unserer Alltagsdenke Kausalität – man assoziiert unwillkürlich »Erzeugung von« oder »Ursache für« Bewusstsein oder die Frage »Welcher Gehirnbereich erzeugt Bewusstsein?« Weil solche Denkmuster aber, wie sich noch zeigen wird, ein angemessenes Verständnis für die »Entstehung« von Bewusstsein verhindern, setze ich das Wort »Entstehung« in Anführung, bis hier ein treffenderer Begriff erarbeitet ist.
Zur Vorgehensweise: In ▶ Teil I verschaffen wir uns einen Überblick über das hier vorgestellte Modell einer Bewusstwerdung, kurz: »das Modell« genannt, darüber, um was es bei einem Organismus, der lebt und überlebt und sich fortpflanzt, beim Bewusstwerden-von-etwas überhaupt geht; dies und alles Weitere erfolgt am Beispiel des Gesichtsfeldes.
▶ Teil II geht das Modell einmal rückwärts durch: vom Bewusstseinsinhalt aus, der bewusst ist – also von Introspektion, konkret: vom Gesichtsfeld aus –, zurück zu dem, was vorliegt: was vor den Augen liegt bzw. auf der Netzhaut abgebildet wird.
In ▶ Teil III wird die Art und Weise der »Entstehung« der Bewusstseine zunächst in einem Satz definiert (der keine »Ursache für Bewusstsein« enthüllt). Die darin anklingenden verschiedenen Begriffe und Themen erläutere ich anschließend Schritt für Schritt, verknüpfe sie miteinander und füge sie in die in ▶ Teil I aufgespannten Zusammenhänge ein, sodass dieser Satz verständlich und plausibel wird. – Kurz gefasst, liefert in ▶ Teil III der Denker Immanuel Kant Hand in Hand mit dem Naturforscher Charles Darwin das Missing Link zwischen – in traditioneller Formulierung – Geist und Materie. In aller Kürze konkret: »Das Ding an sich ist nicht erkennbar« (Kant) – mit genau einer Ausnahme, der des angesprochenen fehlenden Bindeglieds: Die neurophysiologische Rekonstruktion des Lebensraumes, die sich im Laufe der Evolution in den verschiedensten Erscheinungsformen entwickelt hat (Darwin), ist das einzige Ding-an-sich, das ich »erkennen kann«, genauer gesagt: Es ist (unter bestimmten Bedingungen) selbst bewusst (Senske).
Die Argumentation kreist um den Begriff »Rekonstruktion«. Daher wird die neurophysiologische Rekonstruktion der Außenwelt, welche die »Grundlage« von Bewusstsein ist, in ▶ Teil IV in den großen Gesamtzusammenhang der »Evolution in Drei Rekonstruktionen« gestellt. – Dahingegen findet eine Einordnung in die Geistesgeschichte (philosophische Erkenntnistheorie) ebenso wenig statt wie eine Verankerung in der aktuellen, einschlägigen Literatur zum Thema »Bewusstsein« bzw. in die Neurowissenschaften. – Provokant formuliert:
Ich verankere das Modell nicht in der Geistesgeschichte der letzten 3000 Jahre, sondern in der Evolution der letzten 4 Mrd. Jahre.
Dieser Weg ist ganz neu. Er liefert nicht zuletzt eine belastbare Antwort auf die Frage, ob künstliche Intelligenz (KI) bewusst werden kann. (Nein, kann sie nicht!)
Eine vertiefte Darstellung mit vielen Beispielen und verbreiterter Argumentation finden Sie in meinem Buch Kommen Wahrheiten zur Welt. Evolution · Zufall · Bedeutung · Ohnmacht des Bewusstseins (Senske 2023), auf das ich deshalb im weiteren Text wiederholt erneut verweise.
4. Band 2 „Geistesgegenwart“
Wie introspektive Experimente das Bewusstwerden enthüllen
Autor: Frank Senske
Veröffentlichungsdatum 2024
Sprache : Deutsch
Taschenbuch : 128 Seiten
ISBN : 978-3-384-19082-6
Abmessungen : 14,8 x 21 cm
Verkaufspreis : 15 €



